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Die letzten Spuren von Isodraht

Mannheim. Es ist kurz vor Weihnachten 2020, als die Mannheimer IG Metall eine bedrückende Erklärung abgibt. Isodraht sei in seiner jetzigen Form beerdigt worden, heißt es darin. „Sterbehilfe erfolgte durch die Eigentümer unter Zuhilfenahme übelster Tricks zulasten der Beschäftigten. Todesursache: Managementversagen.“ Tatsächlich geht mit dem Aus der Produktion ein Stück Mannheimer Industriegeschichte zu Ende. 1899 gegründet, gehört Isodraht zu den ältesten Unternehmen Mannheims.
Und heute? Das Firmenlogo prangt noch von dem dunkelroten Backsteingebäude. In den Werkshallen aber arbeitet keiner der ehemals rund 100 Beschäftigten mehr. Die Produktion ist mittlerweile nach Schweden und Polen verlagert worden. Auch die Logistik-Mitarbeiter sind weg. Nur noch ein paar Vertriebler sind vor Ort in Mannheim. Der Fachbereich für Wirtschafts- und Strukturförderung der Stadt steht in Kontakt mit den Eigentümern von Isodraht, sie sind Teil der schwedischen Unternehmensgruppe Liljedahl. Sie wollen die gesamte, rund 39 000 Quadratmeter große Industriefläche verkaufen. Das sind etwa fünfeinhalb Fußballfelder.
 
Mit dem Verkauf ist ein Maklerbüro beauftragt. Weil es sich bei dem Areal um ein Industriegebiet handelt, setzt sich die Stadt nach eigenen Angaben dafür ein, dass die Flächen weiterhin industriell genutzt werden. Das fordert auch die Mannheimer IG Metall.
Mittlerweile läuft Isodraht unter der Dahrén Group, ebenfalls Teil von Liljedahl. Wie zu hören ist, sind einige Manager ausgewechselt worden. Für die wenigen verbliebenen Vertriebsmitarbeiter in Mannheim wird nach Informationen dieser Redaktion ein neuer Standort gesucht.
 
Rückblick, Frühjahr 2020. Isodraht, das Wickeldraht für Kleinmotoren oder Generatoren sowie Drähte für die Oberleitungen von Bahnen herstellt, schreibt nach eigenen Angaben seit Jahren Verluste. Mehrfach weist das Unternehmen auf massive Überkapazitäten am Markt hin – verbunden mit einem hohen Kostendruck.
Die IG Metall allerdings will das nicht geltend machen. Sie wirft dem Management vor, sich einem Zukunftskonzept zu verschließen und moniert fehlende Investitionen. „Teilweise sind die Maschinen so alt, dass sie ins Landesmuseum für Technik und Arbeit gehören“, sagt der Mannheimer IG-Metall-Chef Thomas Hahl im Mai 2020. Für Empörung bei der Gewerkschaft sorgt, dass Isodraht ein paar Monate später Insolvenz in Eigenverantwortung anmeldet. Aus Sicht der IG Metall ein Trick, um die Abfindungen zu drücken.
 
Nur wenig später zieht das Unternehmen den Antrag zurück. Für 95 Mitarbeiter von Isodraht, die von der Schließung der Mannheimer Produktion betroffen sind, gibt es einen Sozialplan.
 
Dieser sieht Abfindungen und eine Transfergesellschaft vor, in der die Beschäftigten weiterqualifiziert werden sollen. Sie wird von der gewerkschaftsnahen Mannheimer Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft Mypegasus organisiert. Insgesamt 74 ehemalige Produktionsmitarbeiter sind in die Transfergesellschaft gewechselt, davon 22 mit verkürzter Laufzeit, 52 mit vollständiger Laufzeit bis Ende dieses Jahres. „Trotz der Corona-Pandemie hat es eine sehr gute Vermittlungsquote gegeben“, sagt Projektleiterin Evelyne Gottselig von Mypegasus. Rund 30 Personen haben bis dato einen neuen Job, darunter die ehemaligen Isodraht-Beschäftigten Helmut Herzog und Andrea Falk (siehe kleine Texte).
Wenn Unternehmen einen größeren Stellenabbau planen, fangen Transfergesellschaften die betroffenen Mitarbeiter auf. Die freiwilligen Teilnehmer werden geschult. Beispielsweise erhalten sie Bewerbungstrainings, Kurse zu Computerprogrammen – und Stellenangebote, um einen neuen Arbeitsplatz zu finden.
Mypegasus, der Name der Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft, bezieht sich übrigens auf das geflügelte Pferd aus der griechischen Mythologie. Von Arbeitslosigkeit bedrohten Menschen sollen Flügel verliehen werden.
 
Helmut Herzog, 56 Jahre, Neulußheim, ehemals Arbeitsvorbereitung
„39 Jahre und fünf Monate Betriebszugehörigkeit – Isodraht war für mich mehr als nur ein Arbeitsplatz. Ich habe die Firma gelebt und meine Arbeit geliebt. Doch die schwedische Muttergesellschaft hat alles für das Ende der Produktion getan. Unsere Führungsmannschaft in Mannheim war zu schwach und zu inkompetent, etwas dagegen zu unternehmen. Im Mai 2020 wurden meine Kollegen und ich in einer Halle unter Corona-Sicherheitsabstand über die drastischen Einschnitte informiert. Ich war sehr gefasst, da vieles schon darauf hingedeutet hat. Die Transfergesellschaft war eine große Hilfe für mich, da sie mir Zeit verschafft hat, den Arbeitsmarkt zu sondieren und Bewerbungen zu schreiben. Seit August arbeite ich bei der Stadt Neustadt an der Weinstraße als Disponent für die Hausmeister- und Reinigungsdienste. Natürlich habe ich noch viel zu lernen, bekomme aber jede Unterstützung. Es macht mir viel Spaß.“
 
Andrea Falk, 53 Jahre, Mannheim, ehemals Buchhaltung
„Wenn Sie in der Buchhaltung arbeiten und eng mit dem Controlling verflochten sind, kennen Sie die Zahlen. Dass der Standort größtenteils dicht gemacht wird, war daher nicht wirklich ein Schock-Moment für mich. Über die Teilnahme an der Transfergesellschaft musste ich keine Sekunde nachdenken. Zunächst habe ich gemeinsam mit einem Coach meine Bewerbungsunterlagen auf den neuesten Stand gebracht. Nachdem ich dann in die „Bewerbungswelt“ eingetaucht war, wurde mir sehr schnell klar, dass es für die Buchhaltung gewisse Programme gibt, mit denen man schon gearbeitet haben musste, um überhaupt eine Chance zu bekommen. Entsprechend habe ich mit Hilfe von Mypegasus Kurse zur Weiterbildung gesucht und gefunden. Seit Ende Juni arbeite ich am ZEW in Mannheim in der Kreditorenbuchhaltung. Das Team hat mich innerhalb kürzester Zeit in seinen Kreis aufgenommen. Ich fühle mich sehr wohl.“
 
Alexander Jungert © MM/LUCA OTTMANN
Alexander Jungert Redaktion Alexander Jungert, 1980 in Bruchsal geboren, hat beim “Mannheimer Morgen” volontiert und ist seit 2010 Wirtschaftsredakteur. Während des Studiums arbeitete er unter anderem für die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” und den “Tagesspiegel” in Berlin. Schreibt am liebsten darüber, was regionale Unternehmen und deren Mitarbeiter umtreibt.

Kontakt

Evelyne Gottselig

Hans-Böckler-Str. 1
68161 Mannheim

Tel: 0621 / 724 56 – 13
Fax: 0621 / 724 56 – 12
info.mannheim@mypegasus.de

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